Archiv für den Monat: Dezember 2018

Das wundervolle Abenteuer der Patenschaft

Hi Tine,

Es freut mich, dass du dieses Jahr in Ghana gewesen bist und dein Patenkind dort besucht hast. Das ist für dich und mich auch so einfach und billig. Im Gegensatz zu deiner Augustine, die nicht so leicht ein Visum bekommen würde, selbst wenn sie das Geld hätte, dich mal zu besuchen.

Super, dass du dir auch nicht zu schade warst, da am Dorfbrunnen mal so richtig mit anzupacken. Hattest kein Problem damit, dass du mit deinen blonden langen Haaren da etwas ins Schwitzen gekommen bist.

Dass dabei nur lachende Kinder um dich herumstehen sieht auch überhaupt nicht gestellt aus, nein. Schade nur, dass du uns nicht zeigst, wer diese riesige Aluminiumschale mit Wasser danach durch das Dorf getragen hat und wie.

Und dass du dann auch noch mit Augustine mal so richtig ernsthaft auf die Trommel geschlagen hast, kommt auch total authentisch rüber. Genauso kenne ich Ghana auch. So ganz im selben Puls schlagt ihr aber nicht – aber das nur so am Rande. Vielleicht lachen die anderen dich nicht an, sondern über dich?

Ich wünsche dir weiterhin viel „Kraft der Patenschaft“ und „wundervolle Abenteuer“ bei all der Reproduktion der rassistischen Stereotype, dass Afrikaner kindlich, verspielt, unterentwickelt sind und nur singen, trommeln und tanzen können.

Mach es besser, falls es dich wirklich gibt und du nicht nur eine fiese gecastete Marketing-Idee bist.

Nepomuk

Verstörende Farben des Klezmers

Jüdische Klezmer-Musik ist Richtung Weihnachtsfest immer wieder populär, auch wenn die Musik so gar nichts mit dem christlichen Fest zu tun hat. Das Saxophon ist zwar nicht gerade das Instrument, dass ich mit dem Musikstil verbinden würde, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Es überrascht mich vielmehr, wenn bei der Eigenwerbung für ein Konzert die Farbkontraste Schwarz-Gelb verwendet werden. Zufall?

Das waren schon in den 1930er Jahren die Farben des zwanghaft verordneten „Judensterns“, den alle tragen mussten, die von den Nazis als solche rassistisch klassifiziert wurden. Und was sollen auf diesem Plakat eigentlich die Flammen im Hintergrund sein? Brennende Synagogen?

Und wenn wir in die Richtung weiterdenken – erinnert sich jemand an das Nazi-Plakat zu „entarteter Musik“? Darauf ist das Saxophon in der Hand einer Karikatur eines Afro-Amerikaners im schwarzen Anzug zu sehen, der ebenfalls einen „Judenstern“ trägt. Noch so ein Zufall?

Ich könnte noch ergänzen, dass die Hälfte des „Judensterns“ sogar in den Bilddiagonalen dieses Werbeplakates zu erkennen ist. Natürlich schon wieder ein totaler Zufall.

Für diejenigen, die sich vielleicht noch nie damit beschäftigt haben. In der Regel wissen die Klezmer-Gruppen, wie sie sich auf ihren Bildern präsentieren, ohne antisemitische Symboliken zu bemühen.

Touristische Traumanalyse

„Statt träumen selbst erleben“, so bewirbt ein großes Reiseunternehmen seine „abwechslungsreichen Kulturreisen“. Ganz gleich ob Südamerika oder Afrika, die Berge sehen in der Ferne immer schöner aus als daheim. Das zieht besonders zu dieser Jahreszeit, in der hier alles nur grau-in-grau erscheint. Zum Programm gehören auch die Traumpreise, die das Reiseunternehmen von den Interessierten allerdings nicht nur erträumt, sondern real abkassieren möchte. Aber das soll ja nicht mein Problem sein.

Interessanter ist doch, was die Veranstalter unter „Kultur“ verstehen und einem visuell unter die Nase reiben wollen. Das ist Landschaften, Tiere und fremd wirkende Menschen in bunten Klamotten. Die ihre Stoffe sogar noch selber weben – innig. leicht und tänzerisch sind sie da bei der Sache, wenn ich das richtig interpretiere.
Reisebusse und Flugzeuge, klimatisierte Hotels, geteerte Straßen und der Müll, den Touristen hinterlassen, sind anscheinend keine Kultur. Städte auch nur, wenn sie historisch und verfallen sind wie Machu Picchu.

Als Höhepunkte der Reise empfinde ich anhand dieser Bilder jedoch die Nähe zwischen kulturfremden Menschen und wilden Tieren. Man könnte beinahe sagen, sie entsprechen sich. Lachende Frauen mit geöffnetem Mund neben Löwen mit geöffneten Mund. Eine schweigend nachdenklich sitzende Frauengruppe neben einem Affen, der ebenso fragend in die Welt schaut. Die Unterschiede verwischen.

Und ich frage mich – mit Freud im Hinterkopf – auf welche Traumsymboliken hier zurückgegriffen werden soll. Die Wildheit der fremden Kulturmenschen oder die Fremdheit der wilden Tiere? Was steht hier für was?
„Atemberaubend“ nennt der Reiseveranstalter sein Angebot im Verlauf der Anzeige auch noch. Es verschlägt mir bei den Bildern schon den Atem.