Weltmusik in Messehallen

Vergangenes Wochenende war ich mal wieder auf der Bazaar-Einkaufsmesse in Berlin. Seit Jahren lädt sie uns im November in die in der Nazizeit erbauten Messehallen ein. „Einkaufen wie im Urlaub“ kann man da, mit dem Unterschied, dass alle möglichen Reiseländer in wenigen Hallen auf einmal vertreten sind. Für knapp 10,- Euro Eintritt kann ich Souvenirs fast zu Originalpreisen aus aller Welt in Fußmarschentfernung einkaufen und spare mir damit Flugtickets und Zeitumstellungen. Das müssen dafür die Händler in Kauf nehmen. Insofern eine geschickte Angelegenheit – leider nur ohne Strand, tropische Temperarturen und touristische Attraktionen für uns.

Musikinstrumente sind da natürlich auch dabei, wie nicht anders zu erwarten: die Südamerikaner verkaufen Panflöten, die Afrikaner Trommeln, die Nepalesen Klangschalen.

Zwei Deutsche verkaufen an ihrem Stand alles zugleich und spielen live sogar auf Maultrommel und Handpan, um auf sich aufmerksam zu machen.

So weit, so erwartbar. Dass es sich bei den Klangschalen um Instrumente handelt, die überhaupt nur für Europa hergestellt werden und in Nepal gar nicht gespielt werden, darüber schauen wir mal freundlich hinweg. Immerhin besitzt der deutsche Hauptanbieter für Klangschalen-Massagen, Peter Hess, so viel Respekt, dass sein Stand nicht in der asiatischen Halle steht, sondern in der „Natural Living“-Halle. Gleich neben einem Anbieter mit esoterischen Wohlfühl-Naturklang-CDs.

Wobei wir bei dem eigentlichen Problem dieser Messe angekommen sind. Zusammengehalten wird nämlich die gesamte Ausstellung mit so verschiedenen Anbietern durch das Konzept von „Natürlichkeit“, „Wohlfühlen“ und „Gesundheit“. Die Kleinhändler aus dem globalen Süden finden sich in Berlin plötzlich zwischen Traumduft-Fläschchen, Shiatsu-Massagen und Barfußschuhen wieder. Was für sie harte Arbeit und finanzielles Risiko zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage bedeutet, wird in Berlin als „Rückkehr zur Natur“ vermarktet und die ausländischen Händler zu „Naturmenschen“ degradiert.

Ach ja, die außen groß angepriesenen „Fair-Trade Produkte“ finden sich seit 3 Jahren am Rande einer Halle auch, vertreten durch ein paar Organisationen und 2-3 Ständchen von Eine-Welt-Läden. Im Gespräch gibt ein Vertreter mir gegenüber zu, dass er sich wundert, zu welchen Preisen bestimmte Produkte hier von afrikanischen Händlern angeboten werden. Fair gehandelt müssten die etwa 30% mehr kosten.

Böse Stimmen haben mir vor Jahren übrigens berichtet, dass am letzten Tag der Messe deutsche Großhändler immer mit Lastwagen vor der Tür stehen und den Händlern alles zu Spottpreisen abkaufen, da diese sich den Rücktransport ihrer Güter nicht leisten können. Immerhin, viele Händler sehe ich seit Jahren dort immer wieder. Irgendwie muss es sich für sie dennoch lohnen. Ist nicht das Ansinnen, den Produzenten solcher Produkte ohne deutsche Zwischenhändler einen Markt zu geben, doch positiv zu bewerten?

Ich sehe zu, wie Schulklassen durch die Gänge streunen, wie drei Teenager den ghanaischen Händler beim Preis von drei Spielzeug-Djemben um ein paar Euro herunterhandeln, später sich dann für 2,- Euro pro Stück ohne Widerspruch eine Brezel bei Ditsch-Stand in der Eingangshalle kaufen und gechillt die Messe wieder verlassen.

Schöne Welt, die einem dort vorgegaukelt wird! Stören eigentlich nur die Obdachlosen, die in der Unterführung vor der S-Bahn leben. Die bekommen weder etwas von den Traumdüften oder Barfußschuhen ab – dabei leben sie doch ganz „nah an der Natur“.

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