Weiße Zukunfts-Improvisateure

Vor einigen Wochen war ich an der Kunstuni Graz im Zentrum für Genderforschung zu einer Arbeitstagung mit dem Titel „Männlichkeiten und ihre Klischees in Musik und Theater“ eingeladen. Nach Diskussion über männliche Hegemonien blätterte ich in der Kaffeepause durch das reichhaltige Werbematerial Hochschule und blieb bei der Dokumentation der Zukunftswerkstatt 2017 zum Thema „Improvisation“ hängen. Zukunft an einer österreichischen Kunstuni? Das interessiert mich!

Das Inhaltsverzeichnis zu der dreitägigen Veranstaltung ist vielversprechend und wirkt international, zumal links gleich eine asiatisch aussehende Frau in einer führenden Rolle zu sehen ist.

Diese Frau bleibt aber in dem gesamten Hochglanzheft namenlos. Sie gehört gar nicht zu den Lehrenden. Diese werden im Folgenden ausführlich mit doppelseitigen Portraits vorgestellt. Es handelt sich um acht Männern und lediglich drei Frauen. Alle sind weiß und ihre Internationalität beschränkt sich auf Tätigkeiten in Europa und Nordamerika. Lediglich zwei Frauen können in ihren kurzen Lebensläufen damit aufwarten, auch außerhalb der westlichen Welt gearbeitet zu haben.

Da einer der musikalischen Schwerpunkte der Veranstaltung Improvisation im Jazz bildet, ist eine Aussage des Heftes somit schon mal klar. Die Zukunft des aus der afro-amerikanischen Bevölkerung der USA hervorgegangenen Musikstils liegt ausschließlich in den Händen der Weißen. Viel Dramatischer ist jedoch, dass zum Thema „Improvisation“ kein Experte eingeladen wurde, aus einer Musikkultur stammt oder sie lehrt, in der Improvisation eine wirklich bedeutende Rolle – auch in der Kunstmusik – spielt. Wo ist ein Lehrer, der Musik aus dem arabischen Kulturraum vertritt? Wo einer aus Westafrika? Wo eine, die die indischen Musikstile vorstellt?

Auffällig bei den Bildern des Heftes ist außerdem, wie selbstgefällig sich die Lehrenden geben dürfen. In jeder männlichen Machtpose sitzen und hängen da die Personen in den Podiumsgesprächen auf ihren Stühlen und können ihre Hände überall haben. Ganz nach dem ersten Motto des Lehrers Karst de Jong: „Gib nicht dein bestes!“

Das vierte Motto „Gib den anderen auch ein wenig Ego-Zeit“ scheinen die Macher der Broschüre dagegen weniger zu Herzen genommen haben. Die einzigen ethnisch markierten Personen in diesem Hochglanzmagazin sind asiatische Frauen. Deren Rolle ist klar vorgegeben: sie sitzen schweigend und schauen zu. Oder sie lachen freundlich zu dem, was die weißen Männer sprechen oder machen.

Das ist schon ein etwas seltsames Bild von einer Kunstuniversität. Jeder, der einmal einen Fuß in eine Musikhochschule gesetzt hat, weiß, wie viele Studierende aus Asien dort innerhalb weniger Minuten anzutreffen sind.

Aber wahrscheinlich ist es noch nicht einmal böse gemeint. Das Gruppenfoto am Ende zeigt, dass wirklich zum größten Teil Weiße an dieser Lernwerkstatt teilgenommen haben. Aber wundert einen das bei dem Angebot?

Stellen sich die Zuständigen für diese Veranstaltung so wirklich die musikalische Zukunft vor? Weiß und männerdominiert? Da wird das Zentrum für Genderforschung an der Uni weiterhin einiges zu tun haben, um auch in die Kunstuni hinein zu wirken. Denn aus der Landwirtschaft wissen wir, dass Monokulturen zwar kurzfristig viel Ertrag bringen können, langfristig jedoch nicht sehr widerstandsfähig sind.

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