Keine Tätergesichter im bedrohten Paradies

Der biblische „Garten Eden“ soll sich irgendwo im Zweistromland befunden haben. Neuerdings lernen unsere Kinder, dass sich das Paradies in Südamerika befindet. Damit dass glaubhaft ist, versieht das Kinder-Apotheken-Magazin medizini seine Reportage mit ausreichend christlicher Symbolik der Schöpfungsgeschichte: Himmel, Erde ein reißender Fluss, Wälder, Pflanzen, Tiere und – höchst prominent – eine verführerische Baumschlange.

Die Menschen, die heute dort im Regenwald leben, sind koloniale „Kinder der Natur“, wie schnell zu erkennen ist. Sie bemalen sich das Gesicht und stecken sich Stöcken unter die Unterlippe. Die Yanomami Frauen stehen im Fluss, wie sie Gott erschaffen hat. Die ebenso fast nackten Kinder üben „spielerisch“ den Umgang mit Waffen. Was für eine Seelenruhe herrscht in dieser Kultur, angeblich ganz ohne schädigende Einfluss der Zivilisation oder Apotheken!

Allerdings wird unseren Kindern auch vermittelt, dass dieses Paradies bedroht ist. Nicht aber, weil die Menschen die Früchte des Baums der Erkenntnis essen, sondern durch Brandrodung, Abholzung und Ausbeutung der Bodenschätze, wobei der Boden mit Chemikalien vergiftet wird. 

Die Täter dieses gottlosen Handelns werden aber nicht gezeigt. Weder die Yanomami-Männer bei der Brandrodung noch die westlichen Weißen Waldarbeiter, Händler und Goldschürfer. Wir sehen nur die verheerenden Folgen für das Land und dicke Baumstämme auf dicken lauten Lastern. Der einzige weiße Mann in der Reportage ist ein WWF-Experte, der den Kindern gutmütig Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht. Was für eine verdrehte Welt? 

Ist es womöglich deutschen Kindern nicht zumutbar zu zeigen, wer den Schaden im Amazonas anrichtet? Wären sie vielleicht irritiert, wenn dort mein Bild eines Mannes abgedruckt wäre, der möglicherweise gar nicht so anders aussieht wie ihr eigener Vater? In diesem Paradies wird also Erkenntnis gezielt verschleiert – was sollen die deutschen Kinder nur daraus lernen?

Süße Fair-Suchung oder Cookie-Monster?

Irgendwie scheint ALDI etwas missverstanden zu haben. Für das Fair-Trade Siegel „müssen die internationalen Fairtrade-Standards eingehalten werden, die weitreichende soziale, ökonomische und ökologische Aspekte abdecken. Darunter z. B. die Zahlung von Fairtrade-Mindestpreisen und der Fairtrade-Prämie, das Verbot von illegaler Kinderarbeit und die Einhaltung von Umweltschutzkriterien“. Kurz gesagt, es soll all das verhindert werden, was in der europäischen Kolonialzeit gang und gäbe war, nämlich andere Kulturen zu entdecken, erobern, zu besetzen und auszubeuten.

Diese Werbung hier versucht uns aber zu zeigen, dass beides gleichzeitig gehen soll. Entdecker-Expedition und Fairtrade! Dafür wird aus den fair gehandelten Cookies ein europäisch romantischer Berg gebastelt mit Tannenwäldchen, Eichhörnchen und Gipfelfähnchen. „Im Frühtau zu Berge wir ziehen, fallera!“ 

Klingt harmlos – aber den Mount Cook gibt es wirklich, mehrfach sogar. Besonders bekannt ist der aus Neuseeland. der nach dem britischen Entdecker James Cook benannt wurde, der – nebenbei erwähnt – für Großbritannien die Inseln eingenommen hat.

Nun sieht der neuseeländische Berg aber so gar nicht nach den Keksen aus und „süß“ ist er nun mal auch nicht. So dass sich schnell die Frage stellt, ob hier wirklich eine Landschaft assoziiert werden soll, oder doch nicht vielleicht eine „süße“ Person namens „Cookie“ mit der entsprechenden Hautfarbe erobert werden soll? Die Schokoladenkurven lassen da so einigen Interpretationsspielraum offen. Erinnert sich jemand an R. Kellys “Cookie”-Song?

„Mm like an Oreo/ I love to lick the middle like an Oreo/
Oreo, Oreo, like an Oreo/ I wanna bite it, and get inside it til I get you gone”

Und man will es kaum glauben, aber ALDI gewinnt mit solchen Produkten und Kampagnen sogar noch den Fairtrade Award

Sehenswürdige Weltmusiken

Die Weltkarte hier an der Wand des Restaurants soll wahrscheinlich lustig sein: neben dem Poncho sitzt der Samba, über dem Reggaeton drängt sich Cocaine. Unter Russland hängt die Polka und unter Afrika quetscht sich die Trommel gerahmt von Kakao und der Seregenti. 

Die Welt nach Ländern, Städten, Sehenswürdigkeiten, Religionen, Lebensmitteln, Klamotten, Souvenirs und Musikstilen sortiert. Spanien besteht aus Tango, Tapas und Wein. Lässt sich das anders besser zusammenfassen?

Jedes Stereotyp hat hier seinen festen Platz, ist vermessen, vorbestimmt und unverrückbar an eine Region gebunden. Auf diesem Bild erscheint sogar alles relativ. Man wird doch mal so ganz im Allgemeinen über den Osten, Westen, Süden und Osten in Vorurteilen reden dürfen und das benennen, was der westliche Mensch so damit verbindet, oder?  

Es ist eine richtige Touri-Weltkarte, die Lust darauf machen soll, die Welt zu entdecken. Tatsächlich sitze ich gerade diese Woche ziemlich genau auf dem „M“ der afrikanischen „Drums“. Dieses Bild hängt nämlich in einem touristischen Strandrestaurant in Cape Coast (Ghana), in dem ich mich nach einem anstrengenden Workshoptag an der Uni ausruhe. Aber wo sind sie nur die Trommeln? Aus den Lautsprechern tönt Reggaemusik (die es laut dieser Karte nur in Südamerika gibt), ich trinke ein Bier (das es nur in Mitteleuropa geben soll) und sehe vor mir vor allem den Plastikmüll, der hier in Massen an den Strand geschwemmt wird.

Jetzt könnte man sagen, dass sich damit bestätigt, dass alle Menschen auf der Welt die gleichen stereotypen Vorstellungen voneinander haben. Aber da gibt es einen gewaltigen Unterschied: ich werde in wenigen Tagen wieder zurückfliegen und kann mich dabei davon überzeugen, dass ich nicht über „spices“, „beer“ und „cheese“ fliege. Und kann mich zu einem anderen Zeitpunkt davon überzeugen, dass das Leben in südlichen Afrika auch nicht nur hakuna matataist. 

Für die Fischer hier am Strand, die sich wahrscheinlich schon einen Besuch in dieser Bar gar nicht leisten können, hat das Bild allerdings eine ganz andere Bedeutung. Die es im Vorbeigehen sehen, haben gar nie die Chance, einen dieser Plätze auf der Welt mit seinen vielfältigen Versprechungen zu besuchen. Ihnen wird nur vorgeschrieben, wie sie zu sein haben, wenn sie den weißen Touristen, die hierher kommen gefallen wollen

Wie exotisch klingt Software?

Bei einem Bekannten im Regal entdecke ich zu meiner Überraschung ein „Samba-Buch“. Er arbeitet als System-Administrator bei einem deutschen Fernsehsender in Berlin und ich hatte gar nicht gewusst, dass er sich auch für brasilianische Musik interessiert. 
Es handelt sich bei dieser „Samba“ aber gar nicht um eine Musik, sondern um ein Netzwerkprogramm, „mit dessen Hilfe das SMB-Protokoll auf die Unix-Ebene abgebildet werden kann“. Hm. Das groovt.

Nach kurzer Recherche stelle ich fest: das ist nicht das einzige technologische Programm, das sich den Namen von einem nicht-europäischen Musikstil geklaut hat. Es gibt die Tango soloDTP-Software, den Cha-Cha-Chat, die Salsa20Stromverschlüsselungssoftware oder die BebopDatenbank-Software. Alles akronymer Zufall?

Es ist für mich logisch, dass Musiksoftware sich mit Fachbegriffen wie Finaleoder Komponistennamen wie Sibeliusschmückt, um sich besser zu verkaufen. Aber oben genannte Programme haben weder mit Musik im allgemeinen, noch mit den Herkunftskulturen der Stile etwas zu tun. Durch solche klangvollen Titel versuchen die Entwickler vielmehr, das Image ihrer trockenen digitalen Programme aufzupolieren und Dynamik, Tempo, Rhythmus und coolen Lifestyle zu vermitteln. Vielleicht denken sie auch, das Gemeinschaftserlebnis bei Tanzveranstaltungen hätte einen Zusammenhang mit digitalen Netzwerkstrukturen?

Das funktioniert alles mit fremden Musikstilen anscheinend einfach besser. Es gibt meinen Nachforschungen nach noch keine Ländleroder SchuhplattlerSoftware. Dabei sind die Deutschen doch angeblich Exportweltmeister. Aber wer weiß, ob sich die Wahrnehmung da nicht vielleicht doch noch mal dreht: eine WaltzSoftware und eine Polka Software gibt es schon. Die Einschläge rücken näher. Nur wird so wahrscheinlich irgendwann niemand mehr wissen, dass wir es ursprünglich mit Musik zu tun hatten.

Kennst ja unsere Herzen…

Christ ist natürlich ein prima Markenname, um kostbare Weihnachtsgeschenke anzupreisen. Besonders reiche, weiße Männer sollen bitte für ihre Frauen viel Geld ausgeben. Damit das golden-weiß glitzernde Herz-Kettchen besonders hervorsticht, macht es sich gut an dem Körper einer schwarzgekleideten schwarzen Frau. Und ein schönes Weihnachtslied dazu verschleiert die wahren Umstände, die dahinterliegen: „Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben…“

Nein, dieses Geschenk „kann das nicht“. Es will es auch nicht. Ich glaube, es ist im Januar jetzt an der Zeit, falsche Gaben zurückzugeben, umzutauschen oder gar zurückzuweisen.

Zunächst einmal sollte sich Christ fragen, wie gut es eigentlich seinen Photoshop „kann“. Der weiße Mann, der hier herrisch die schwarze Frau am Bauch umfasst – die so gar keine Anstalten macht, seine Berührung zu erwidern – erscheint mir wenig überzeugend in das Bild montiert. Wo befindet sich seine rechte Hand? Drückt er der Frau wirklich seinen Handrücken in den Rücken?
Sein stürmischer, zu allem bereiter Gesichtsausdruck hat zudem etwas Vereinnahmendes, das im starken Kontrast zum verträumten Lachen der Frau hat. Lässt die alles mit sich machen, sobald der Klunker um ihren Hals hängt? Ihre Frisur ist außerdem in Analogie zu dem Herz-Kettchen geformt, wie auch das Dreieck Brüste–männliche Hand. Lässt sich diese schwarze Frau also auch einfach für 499,- Euro kaufen? Shopping 24/7? Wie heißt es nicht so schön in dem Lied: „Bring uns lieber Weihnachtsmann, bring auch morgen, bringe…“

Wir wissen natürlich gar nichts über diese schwarze Frau. Da sie aber in so starkem farblichen Kontrast zum Rest des Bildes gesetzt ist, liegt es nahe, sie mit dem „Fremden“ zu assoziieren. Schwarzes Gold? Eine Afrikanerin womöglich?

Dann werden einer Frau Edelmetalle zurückgeschenkt, die vorwiegend von ausländischen Konzernen in afrikanischen Ländern geschürft werden. Ist ja wunderbar! In einer Zeit, wo in der Kultur die Frage heiß diskutiert wird, ob koloniale Güter aus europäischen Museen wieder an afrikanische Länder zurückgegeben werden sollen, inszeniert sich hier ein Hersteller als Heiland, der die Armen beschenkt, wenn die weißen Reichen das nötige Geld dafür geben. Na dann: „Doch du weißt ja unsren Wunsch, kennst ja unsere Herzen…“

Klangloses Menschenrechts-Jubiläum

Amnesty International hat in ihrem aktuellen Magazin ein fröhliches Wimmelbild mit allen 28 Artikeln der Menschenrechtserklärung abgedruckt. Das ist meiner Meinung nach eine feine Idee: übersichtlich, mit einem zwinkernden Auge und reproduziert kaum Stereotype, was bei der Vereinfachung der Visualisierungen sehr leicht passieren könnte. Ich frage mich nur: wo bleibt hier das Kulturleben der Menschheit? Unter den 28 Szenen des Bildes gibt es genau eine Szene, auf der ein Musiker erscheint. Theater und Tanz existiert gleich gar nicht. Von musizierenden Frauen ganz zu schweigen.

Dabei ist so viel Gutes auf dem Bild zu entdecken. Die Gleichheit der Geburt verschiedener Menschen wird durch gleiche Kleidung der Babys symbolisiert. Die Ablehnung von Diskriminierung ist erstaunlich farbenblind gemalt. Der Ehebegriff ist selbstverständlich erweitert und kulturblind dargestellt.

Aber gerade bei den Hochzeiten, fehlen die in den meisten Kulturen dazu gehörigen Gemeinschaftsfeiern. Die Religionszugehörigkeit wird ebenso ohne jedes Gemeinschaftsritual mit Gesang oder Tanz dargestellt. Unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung wird  nur die öffentliche Rede verstanden, nicht das Lied oder de Performance. Auch zur Freizeitgestaltung scheinen kulturelle Aktivitäten nicht zu gehören.

Einzig bei dem Recht auf künstlerische Freiheit erscheint der Weiße Hippie mit der Gitarre. Dieser äußert sich zwar politisch, aber ist doch in westlichen Kulturen nie ernsthaft von politischer Verfolgung bedroht. Wie anders geht es da Musiker*innen in autokratischen und religiösen Staaten. Wären die nicht die besseren Personen an dieser Stelle gewesen?

Und letztlich stellt sich mir schon die Frage, was für eine individualistisch-westliche Vorstellung hinter diesem Bild im Ganzen steckt, wenn Bereiche des Lebens wie der Glaube oder die Ehe, die kulturell ohne Gemeinschaft gar nicht zu denken sind, hier so abgebildet werden, als ginge es dabei nur um individuelle Entscheidungen von Einzelnen. Haben die so wichtigen Menschenrechte in unser Zeit überhaupt eine Chance, wenn sie nicht an die Gemeinschaft gebunden, von der Gemeinschaft diskutiert und von der Gemeinschaft getragen werden?

Das wundervolle Abenteuer der Patenschaft

Hi Tine,

Es freut mich, dass du dieses Jahr in Ghana gewesen bist und dein Patenkind dort besucht hast. Das ist für dich und mich auch so einfach und billig. Im Gegensatz zu deiner Augustine, die nicht so leicht ein Visum bekommen würde, selbst wenn sie das Geld hätte, dich mal zu besuchen.

Super, dass du dir auch nicht zu schade warst, da am Dorfbrunnen mal so richtig mit anzupacken. Hattest kein Problem damit, dass du mit deinen blonden langen Haaren da etwas ins Schwitzen gekommen bist.

Dass dabei nur lachende Kinder um dich herumstehen sieht auch überhaupt nicht gestellt aus, nein. Schade nur, dass du uns nicht zeigst, wer diese riesige Aluminiumschale mit Wasser danach durch das Dorf getragen hat und wie.

Und dass du dann auch noch mit Augustine mal so richtig ernsthaft auf die Trommel geschlagen hast, kommt auch total authentisch rüber. Genauso kenne ich Ghana auch. So ganz im selben Puls schlagt ihr aber nicht – aber das nur so am Rande. Vielleicht lachen die anderen dich nicht an, sondern über dich?

Ich wünsche dir weiterhin viel „Kraft der Patenschaft“ und „wundervolle Abenteuer“ bei all der Reproduktion der rassistischen Stereotype, dass Afrikaner kindlich, verspielt, unterentwickelt sind und nur singen, trommeln und tanzen können.

Mach es besser, falls es dich wirklich gibt und du nicht nur eine fiese gecastete Marketing-Idee bist.

Nepomuk

Verstörende Farben des Klezmers

Jüdische Klezmer-Musik ist Richtung Weihnachtsfest immer wieder populär, auch wenn die Musik so gar nichts mit dem christlichen Fest zu tun hat. Das Saxophon ist zwar nicht gerade das Instrument, dass ich mit dem Musikstil verbinden würde, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Es überrascht mich vielmehr, wenn bei der Eigenwerbung für ein Konzert die Farbkontraste Schwarz-Gelb verwendet werden. Zufall?

Das waren schon in den 1930er Jahren die Farben des zwanghaft verordneten „Judensterns“, den alle tragen mussten, die von den Nazis als solche rassistisch klassifiziert wurden. Und was sollen auf diesem Plakat eigentlich die Flammen im Hintergrund sein? Brennende Synagogen?

Und wenn wir in die Richtung weiterdenken – erinnert sich jemand an das Nazi-Plakat zu „entarteter Musik“? Darauf ist das Saxophon in der Hand einer Karikatur eines Afro-Amerikaners im schwarzen Anzug zu sehen, der ebenfalls einen „Judenstern“ trägt. Noch so ein Zufall?

Ich könnte noch ergänzen, dass die Hälfte des „Judensterns“ sogar in den Bilddiagonalen dieses Werbeplakates zu erkennen ist. Natürlich schon wieder ein totaler Zufall.

Für diejenigen, die sich vielleicht noch nie damit beschäftigt haben. In der Regel wissen die Klezmer-Gruppen, wie sie sich auf ihren Bildern präsentieren, ohne antisemitische Symboliken zu bemühen.

(Update März 2019: Obwohl – auch nicht immer…“

Touristische Traumanalyse

„Statt träumen selbst erleben“, so bewirbt ein großes Reiseunternehmen seine „abwechslungsreichen Kulturreisen“. Ganz gleich ob Südamerika oder Afrika, die Berge sehen in der Ferne immer schöner aus als daheim. Das zieht besonders zu dieser Jahreszeit, in der hier alles nur grau-in-grau erscheint. Zum Programm gehören auch die Traumpreise, die das Reiseunternehmen von den Interessierten allerdings nicht nur erträumt, sondern real abkassieren möchte. Aber das soll ja nicht mein Problem sein.

Interessanter ist doch, was die Veranstalter unter „Kultur“ verstehen und einem visuell unter die Nase reiben wollen. Das ist Landschaften, Tiere und fremd wirkende Menschen in bunten Klamotten. Die ihre Stoffe sogar noch selber weben – innig. leicht und tänzerisch sind sie da bei der Sache, wenn ich das richtig interpretiere.
Reisebusse und Flugzeuge, klimatisierte Hotels, geteerte Straßen und der Müll, den Touristen hinterlassen, sind anscheinend keine Kultur. Städte auch nur, wenn sie historisch und verfallen sind wie Machu Picchu.

Als Höhepunkte der Reise empfinde ich anhand dieser Bilder jedoch die Nähe zwischen kulturfremden Menschen und wilden Tieren. Man könnte beinahe sagen, sie entsprechen sich. Lachende Frauen mit geöffnetem Mund neben Löwen mit geöffneten Mund. Eine schweigend nachdenklich sitzende Frauengruppe neben einem Affen, der ebenso fragend in die Welt schaut. Die Unterschiede verwischen.

Und ich frage mich – mit Freud im Hinterkopf – auf welche Traumsymboliken hier zurückgegriffen werden soll. Die Wildheit der fremden Kulturmenschen oder die Fremdheit der wilden Tiere? Was steht hier für was?
„Atemberaubend“ nennt der Reiseveranstalter sein Angebot im Verlauf der Anzeige auch noch. Es verschlägt mir bei den Bildern schon den Atem.

Weiße Zukunfts-Improvisateure

Vor einigen Wochen war ich an der Kunstuni Graz im Zentrum für Genderforschung zu einer Arbeitstagung mit dem Titel „Männlichkeiten und ihre Klischees in Musik und Theater“ eingeladen. Nach Diskussion über männliche Hegemonien blätterte ich in der Kaffeepause durch das reichhaltige Werbematerial Hochschule und blieb bei der Dokumentation der Zukunftswerkstatt 2017 zum Thema „Improvisation“ hängen. Zukunft an einer österreichischen Kunstuni? Das interessiert mich!

Das Inhaltsverzeichnis zu der dreitägigen Veranstaltung ist vielversprechend und wirkt international, zumal links gleich eine asiatisch aussehende Frau in einer führenden Rolle zu sehen ist.

Diese Frau bleibt aber in dem gesamten Hochglanzheft namenlos. Sie gehört gar nicht zu den Lehrenden. Diese werden im Folgenden ausführlich mit doppelseitigen Portraits vorgestellt. Es handelt sich um acht Männern und lediglich drei Frauen. Alle sind weiß und ihre Internationalität beschränkt sich auf Tätigkeiten in Europa und Nordamerika. Lediglich zwei Frauen können in ihren kurzen Lebensläufen damit aufwarten, auch außerhalb der westlichen Welt gearbeitet zu haben.

Da einer der musikalischen Schwerpunkte der Veranstaltung Improvisation im Jazz bildet, ist eine Aussage des Heftes somit schon mal klar. Die Zukunft des aus der afro-amerikanischen Bevölkerung der USA hervorgegangenen Musikstils liegt ausschließlich in den Händen der Weißen. Viel Dramatischer ist jedoch, dass zum Thema „Improvisation“ kein Experte eingeladen wurde, aus einer Musikkultur stammt oder sie lehrt, in der Improvisation eine wirklich bedeutende Rolle – auch in der Kunstmusik – spielt. Wo ist ein Lehrer, der Musik aus dem arabischen Kulturraum vertritt? Wo einer aus Westafrika? Wo eine, die die indischen Musikstile vorstellt?

Auffällig bei den Bildern des Heftes ist außerdem, wie selbstgefällig sich die Lehrenden geben dürfen. In jeder männlichen Machtpose sitzen und hängen da die Personen in den Podiumsgesprächen auf ihren Stühlen und können ihre Hände überall haben. Ganz nach dem ersten Motto des Lehrers Karst de Jong: „Gib nicht dein bestes!“

Das vierte Motto „Gib den anderen auch ein wenig Ego-Zeit“ scheinen die Macher der Broschüre dagegen weniger zu Herzen genommen haben. Die einzigen ethnisch markierten Personen in diesem Hochglanzmagazin sind asiatische Frauen. Deren Rolle ist klar vorgegeben: sie sitzen schweigend und schauen zu. Oder sie lachen freundlich zu dem, was die weißen Männer sprechen oder machen.

Das ist schon ein etwas seltsames Bild von einer Kunstuniversität. Jeder, der einmal einen Fuß in eine Musikhochschule gesetzt hat, weiß, wie viele Studierende aus Asien dort innerhalb weniger Minuten anzutreffen sind.

Aber wahrscheinlich ist es noch nicht einmal böse gemeint. Das Gruppenfoto am Ende zeigt, dass wirklich zum größten Teil Weiße an dieser Lernwerkstatt teilgenommen haben. Aber wundert einen das bei dem Angebot?

Stellen sich die Zuständigen für diese Veranstaltung so wirklich die musikalische Zukunft vor? Weiß und männerdominiert? Da wird das Zentrum für Genderforschung an der Uni weiterhin einiges zu tun haben, um auch in die Kunstuni hinein zu wirken. Denn aus der Landwirtschaft wissen wir, dass Monokulturen zwar kurzfristig viel Ertrag bringen können, langfristig jedoch nicht sehr widerstandsfähig sind.